Soziale Medien begünstigen Essstörungen

„Die Essstörung ist heimtückisch"

Trainieren, Diät halten, gesundes Essen anrichten und Bilder davon posten. Unter dem Deckmantel von Fitness und Gesundheit sind Symptome von Essstörungen nicht leicht zu erkennen. Zwei sozialtherapeutische Wohngruppen in Linz begleiten junge Menschen am Weg aus der Essstörung. Die 18-jährige Marianne hat es geschafft und beschreibt ihre größte Herausforderung auf diesem Weg.

18.04.2018
Eine junge Frau trägt einen Teller mit Essen (Foto: Diakonie Zentrum Spattstraße)
Laut Österreichischem Frauengesundheitsbericht 2010/2011 sind schätzungsweise 200.000 ÖsterreicherInnen von Essstörungen betroffen. 7.500 Mädchen und Burschen leiden akut an Magersucht und Bulimie.

Marianne war 13 Jahre, als für ihre besorgten Eltern offensichtlich wurde, dass ihre Tochter an einer Essstörung leidet. Auf Heißhungerattacken, bei denen sie große Mengen zu sich nahm, folgten Hungern, exzessiver Sport und Selbstverletzungen. Das Gymnasium hat sie nur noch unregelmäßig besucht. Mehrere ambulante und stationäre Therapien im Krankenhaus haben der jungen Frau nur kurzfristig geholfen. „Die Essstörung ist heimtückisch. Du glaubst, du hast die Krankheit überwunden, und plötzlich braucht es nicht viel, und die Krankheit hat dich wieder im Griff", beschreibt das Mädchen ihre Situation.

Mit 16 Jahren hat Marianne die Therapie in der Wohngruppe KAYA begonnen. Das kreative und musikalische Mädchen ist eine von insgesamt 16 jungen Betroffenen, die in zwei spezialisierten sozialtherapeutischen Wohngruppen des Diakonie Zentrums Spattstraße in Linz betreut werden. Primar Dr. Michael Merl, zuständig für die medizinische Begleitung: „Wir betreuen hier junge Menschen mit Anorexie, Bulimie und atypischen Essstörungen. Viele von ihnen haben bereits Krankenhausaufenthalte hinter sich. Nach der Akutbehandlung im Krankenhaus können sich junge Menschen hier stabilisieren und wieder einen gesunden Zugang zu ihrem Körper und zum Essen entwickeln.“ Fr Dr. Koubek ist ebenso als Konsiliarärztin in der Wohngruppe tätig.
 

 

Die Essstörung ist heimtückisch. Du glaubst, du hast die Krankheit überwunden, und plötzlich braucht es nicht viel, und die Krankheit hat dich wieder im Griff
Marianne

„Für die meisten Betroffenen ist der Sprung von einem stationären Aufenthalt im Krankenhaus zurück ins normale Alltagsleben zu groß,“ erzählt Leiterin Verena Rameseder. „Essstörungen sind keine Ernährungsprobleme, sondern ernstzunehmende psychische Erkrankungen. Das problematische Essverhalten ist ein Ausdruck dafür, dass belastende und herausfordernde Situationen nicht mehr zu bewältigen sind.“ In den Wohngruppen wird an der Sehnsucht der jungen Menschen angeknüpft: „Sie alle wollen ihr Leben meistern, sich selbst als wertvoll erfahren, entspannen und genießen können und lebendigen Beziehungen leben.“

Sozialtherapeutische Wohngruppen für junge Menschen mit Essstörungen

Die intensive Begleitung in der Wohngruppe hat Marianne geholfen, wieder Halt zu finden und die Anforderungen der Schule zu schaffen. „Besonders schwierig ist es für mich mit den Schulkolleginnen, die begeistert die Postings auf Instagram und Pinterest teilen und von trockenen Reiswaffeln und Gemüse-Sticks leben. Sie probieren eine Diät nach der anderen aus und reden ständig darüber. Wenn ich da mit meinem Lunchpaket mit Jausenbrot und Joghurt daherkomme, werde ich schief angeschaut. Dinner-Cancelling ist in und steht im Widerspruch zum regelmäßigen Abendessen in der Wohngruppe. Es ist echt schwer, mich davon nicht beeinflussen zu lassen und die vielen Fotos und Meinungen aus Sozialen Medien kritisch zu betrachten.“

„Unter dem Deckmantel der Fitness werden teilweise Symptome von Essstörungen verschleiert. Die Bilder der jungen, untergewichtigen Bloggerinnen, die zeigen, wie man trainieren soll und welche Diät die beste ist, können den Einstieg und Verlauf einer Essstörung ungünstig beeinflussen,“ so Verena Rameseder.

Marianne hat es geschafft, ihre Bulimie zu überwinden. Sie wird bald 18 und wohnt seit Kurzem in einem Schülerheim. Sie geht weiterhin zur Psychotherapie, denn nach wie vor ist es eine Herausforderung, der Stimme der Essstörung zu widerstehen. Wenn alles gut geht, wird Marianne bald ihre Matura schaffen.