Zivilingenieur für Kulturtechnik und Wasserbau analysiert die Arbeit von Freiwilligen in der Flüchtlingsbetreuung

Die 7 Phasen der Flüchtlings-Begleitung - Erfahrungen eines Unterstützers

Herr Diplomingenieur Peter Haberfehlner ist gut im Projektmanagement. Das kommt von seinem Beruf. Jetzt ist er in Pension, und engagiert sich als Freiwilliger in der Flüchtlingsbetreuung. Seine Kenntnisse helfen jetzt vielen. Hier seine Analyse.

24.06.2016
Ein Buch zum Thema Asylrecht liegt auf einem Tisch in einem Büro des Diakonie Flüchtlingsdienstes (Foto: Nadja Meister)
Das Ausfüllen der Formulare ist sogar bei guter Kenntnis der österreichisch-amtsdeutschen Sprache schwierig und zeitaufwändig.

Die sieben Phasen eines Projektes

Ich war vierundzwanzig Jahre Mitarbeiter in der Planungsabteilung einer Zivilingenieurkanzlei für Kulturtechnik und Wasserbau. In der Kanzlei hing ein Plakat, das die sieben Phasen einer Projektabwicklung beschrieb. Diese sieben Phasen erlebe ich auch derzeit als Pensionist in der ehrenamtlichen Betreuung und Begleitung von Flüchtlingsfamilien. Freilich gibt es Überschneidungen und Verschiebungen innerhalb der einzelnen Phasen, aber ich glaube, dass sie meine und die allgemeine Situation in dieser Frage beschreiben können.

1. Begeisterung

Wir gründen einen Verein „Neues Zuhause in St. Peter“. Eine Wohnung für Flüchtlinge wird von der Gemeinde bereitgestellt, von Helfern neu ausgemalt und adaptiert, mit vielen gespendeten Möbeln und Hausrat eingerichtet. Viele Menschen fragen nach, beteiligen sich, helfen mit. Die kurdische Mutter mit vier Kindern kommt aus einem Massenquartier und ist überglücklich eine voll eingerichtete Wohnung mieten und beziehen zu dürfen. Herzliche und dankbare erste Begegnungen und große warmherzige Hilfsbereitschaft der Bevölkerung. Die Kinder werden in der Schule von Lehrerinnen mit großem Einsatz gefördert. Pensionierte Lehrer und Lehrerinnen organisieren ehrenamtlich einen Intensiv-Deutschkurs für Flüchtlinge und sind mit Begeisterung bei der Sache. Andere Lehrerinnen und Lehrer geben den Kindern Nachhilfe und pflegen Deutsch-Konversation mit den Eltern. „Wir haben eine so nette Flüchtlingsfamilie aufgenommen, wir werden ihnen helfen!“

2. Verwirrung

Das Aufeinandertreffen ganz verschiedener Kulturen, Sprachen und Traditionen läuft nicht frei von Missverständnissen und Konflikten ab: Pünktlichkeit, Höflichkeit, Zeitangaben und Zeitbegriffe, Begrüßungsrituale, Mülltrennung, Straßenverkehrsregeln, Einhaltung der Schulpflicht, Erwartungen und Forderungen, falsche Hoffnungen an den „goldenen Westen“ .

Aber auch die nach und nach erzählten Fluchtgeschichten und Erinnerungen an die jetzt zerbombte Heimat und die dort ausharrenden Verwandten auf dem Smartphone machen betroffen. Politische Lösungen des blutigen Bürgerkrieges im Herkunftsland der Flüchtlinge sind nicht in Aussicht. Es stellen sich aber auch Fragen nach unserer eigenen Identität; sind wir nicht die laut Koran zu bekämpfenden Ungläubigen, die jetzt Zuflucht geben sollen und wollen?

3. Ernüchterung

Erste Kontakte mit den verschiedensten zuständigen Behörden und Institutionen; zahllose Formulare, Ansuchen und Meldungen;  Vorsprachen bei diversen Ämtern und Sprechstunden; immer wieder verschiedene Ansprechpersonen auch bei den offiziellen Hilfsorganisationen und unklare Aufgabenverteilung. Das Ausfüllen der Formulare ist sogar bei guter Kenntnis der österreichisch-amtsdeutschen Sprache schwierig und zeitaufwändig.

Das Ausfüllen der Formulare ist sogar bei guter Kenntnis der österreichisch-amtsdeutschen Sprache schwierig und zeitaufwändig.

Bei den betreuten bzw. begleiteten Flüchtlingen stellt sich bald eine gewisse Versorgungsmentalität ein: Ihr betreut uns und ihr sorgt für uns, ihr organisiert für uns, ihr transportiert uns, ihr lernt mit uns, ihr vereinbart für uns diverse Termine, ihr überprüft die uns zugestellte Post auf Wichtigkeit, ihr seid für uns immer da!

4. Panik

Der Flüchtlingsstrom nach Österreich reißt nicht ab. Es kommt eine zweite Familie in ein bescheidenes Notquartier. Die Familie soll auf Wunsch der aufnehmenden Organisation und aufgrund der Erfahrungen mit der ersten Familie von uns mitbetreut werden. Der Islam wird mit dem Kopftuch sichtbar, bewusst werden in den Boulevardmedien und in der Folge auch bei uns an den Wirtshaustischen und in diversen Gesprächskreisen Halb- und Unwahrheiten über die Flüchtlinge, ihre Lebensverhältnisse und ihre gesetzlich geregelten finanziellen Ansprüche gestreut. Es gibt kein Forum, um diese Gerüchte zu widerlegen oder Klarstellungen an die Menschen zu bringen. Die Auseinandersetzung erfolgt nicht direkt mit uns, den Begleitern der Flüchtlinge. Uns gegenüber sind „die Leute“ freundlich, höflich, ausweichend. Obwohl bei uns noch kein einziger nennenswerter negativer Vorfall war, hetzen „die Leute“ in ihren Kreisen. Die Ereignisse der Silvesternacht in Köln, Vorfälle am Linzer Bahnhof und in einem Wiener Hallenbad bringen die Stimmung der Bevölkerung auch bei uns zum Kippen. Eine Berufsgruppe, die in der öffentlich-politischen Diskussion immer an unsere Solidarität appelliert, verweigert ihre Mitarbeit bei einem ideellen Projekt für Flüchtlinge. Eine syrische Familie zieht nach drei Monaten im Notquartier überraschend und ohne Abschied nach Wien. Eine neue Familie kommt. Alles beginnt wieder von vorne.

5. Suche der Schuldigen

Viele Schuldige werden gefunden und für die Lage verantwortlich gemacht: Merkel, die unsolidarische EU, die flüchtenden Männer, die doch zu Hause bleiben und ihr Land verteidigen sollten, der Islam, wo bleiben die reichen Golfstaaten mit der Hilfe für ihre Glaubensbrüder, Waffen liefernde Länder und Konzerne, die großzügige finanzielle Unterstützung der Flüchtlinge in Österreich, die sich um fremde Flüchtlinge anstatt um arme Einheimische sorgenden Ehrenamtlichen, die Nächstenliebe kommt noch vor der Fernstenliebe, das Boot ist voll, wohin soll das alles noch führen, Wirtschaftsflüchtlinge, Terroristen und Islamisierung des christlichen Abendlandes, unsere Werte werden nicht anerkannt.

6. Bestrafung der  Unschuldigen

Politiker beschimpfen die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer als Gutmenschen und Realitätsverweigerer und die (damalige, Anm.) Frau Innenministerin richtet uns Freiwilligen und sogenannten „Ehrenamtlichen“ aus: „Grenzen dicht“, „Schluss mit Willkommenskultur“. Der Herr Außenminister kündigt verbindliche Obergrenzen und verpflichtende Deutsch- und Wertekurse an. Bei Nichteinhaltung werden die Zahlungen eingestellt. Warum warten dann auch schon anerkannte Kriegsflüchtlinge ein halbes Jahr auf einen staatlichen Deutschkurs?

Wo bleibt nur ein anerkennendes Dankeswort an die vielen freiwilligen Lehrerinnen und Lehrer, die ohne viel Aufhebens wertvolle Arbeit leisten? Warum müssen sich die Ehrenamtlichen immer öfter für ihr Flüchtlings-Engagement rechtfertigen und verteidigen?

7. Auszeichnung der Nicht-Beteiligten

Der Applaus der „Leute“ nicht nur in den Bierzelten und Wirtshaustischen gilt den Populisten und den Politikern, die lautstark und medienwirksam einfache Lösungen vorschlagen und auch durchsetzen wollen. Er gilt denen, die Angst schüren und Hass fördern. Er gilt denen, die Flüchtlinge gegen von Armut gefährdete Personen ausspielen. Er gilt denen, die hart durchgreifen wollen.

Was lässt mich trotzdem weiter für die Integration der Flüchtlinge hier in unserer Heimat da sein: Ich sehe Menschen, Männer, Frauen und Kinder, die meine Hilfe brauchen. Vielleicht fragen meine Enkelkinder auch mich in der Zukunft: „Was hast du getan, als damals so viele Flüchtlinge nach Österreich kamen?“  Und vielleicht fragen sie mich genauso, wie ich meine Eltern- und Großelterngeneration nach ihrem Verhalten im zweiten Weltkrieg gefragt

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