Predigt zur Entpflichtung als Direktor der Diakonie

Diakonie geschieht unter dem Kreuz

MK, 15, 20f.
Und sie führten ihn hinaus, dass sie ihn kreuzigten. Und zwangen einen, der vorüberging, Simon von Kyrene, der vom Feld kam, den Vater des Alexander und des Rufus, dass er ihm das Kreuz trage.

21.06.2018

Liebe Gemeinde,

liebe Schwestern und Brüder,

Michael Chalupka, Predigt zur Entpflichtung als Diakonie Direktor am 21. Juni 2018 (Foto Barbara Krobath)
Diakonie-Direktor Michael Chalupka beim Entpflichtungsgottesdienst am 21.62018

Dort wo einer dem anderen hilft, sein Kreuz zu tragen, da ist der Ort der Diakonie. Diakonie geschieht unter dem Kreuz.

Dort, wo eine die andere an der Hand nimmt, da ist der Ort der Diakonie, und da wo einer für die andere einen Weg weist, da geschieht Diakonie.

Es war keine Heldentat, als Simon von Kyrene – der Mann aus Libyen, der in der Ferne das karge Brot für sich und seine Frau und die beiden Söhne Alexander und Rufus bei der Feldarbeit erwirtschaftete – das Kreuz schulterte. Simon trug das Kreuz, weil ihn die Soldateska der römischen Besatzungsmacht dazu gezwungen hatte. Sie hatten die Macht, jedermann dazu zu zwingen, ein Meile mit ihnen zu gehen, wenn sie es wollten. Dort wo einer dem anderen hilft, sein Kreuz zu tragen, da ist der Ort der Diakonie. Diakonie geschieht unter dem Kreuz. Dort, wo eine die andere an der Hand nimmt, da ist der Ort der Diakonie, und da wo einer für die andere einen Weg weist, da geschieht Diakonie.

Im Gebot der Feindesliebe hatte Jesus den Seinen aufgetragen: Wenn sie euch zwingen, eine Meile mit ihnen zu gehen, so geht zwei Meilen – um sie zu beschämen.

Diakonie geschieht unter dem Kreuz, und sie kann sich das Kreuz, das sie mittragen will, nicht aussuchen. Nicht nach politischer Opportunität, nach Stimmungen oder danach, ob dafür bezahlt wird oder nicht. Und sie ist keine Heldentat. Die Diakonie spielt im Ernstfall des Lebens. Diakonie geschieht unter dem Kreuz.

Als evangelischer Organisation war es der Diakonie nicht in die Wiege gelegt, Sorge zu tragen für jene Menschen, die als Fremde in der Fremde zur Arbeit gerufen worden waren. Später wurden diese Menschen euphemistisch Gastarbeiter genannt – weil man sich erhoffte, dass diese Gäste, nachdem sie ihre Arbeit getan hätten, wieder nach Hause gingen.

Dass wohl keiner unter den Gastarbeitern evangelisch war, konnte Ernst Gläser, meinen so hoch geschätzten Vorgänger im Amt, nicht davon abhalten, diese Sorge – die sogenannte Gastarbeiterseelsorge – aufzubauen und die serbisch-orthodoxen Priester einfach bei der Diakonie anzustellen. Und natürlich umfasste die Gastarbeiterseelsorge, wie jede gute Seelsorge, weit mehr als die Seelen. Es ging darum, Menschen hier eine Heimat zu geben, Integrationsarbeit zu leisten bevor die Politik noch wusste, wie man Integration buchstabiert.

Eines Tages besuchte Ernst Gläser gemeinsam mit seinem deutschen Pendant, dem Präsidenten der Diakonie Deutschland Theodor Schober, eine Baustelle. Da fiel den Arbeitern auf, dass ihr Pfarrer Gläser, im Gegensatz zum deutschen Gast, kein Amtskreuz über dem Talar trug.
Das war die Geburtsstunde dieses Kreuzes.

Es entstand auf einer Baustelle. Es ist aus gebräuntem Baustahl geschnitten und grob behauen. Es erinnert immer an den Ort der Diakonie.

Dort, wo einer dem anderen hilft, sein Kreuz zu tragen, da ist der Ort der Diakonie. Diakonie geschieht unter dem Kreuz.

Dort, wo eine die andere an der Hand nimmt, da ist der Ort der Diakonie, und da, wo einer für die andere einen Weg weist, da geschieht Diakonie.

Simon von Kyrene, aus dem heutigen Tripolis, kam wohl erschöpft von der Feldarbeit, als er das Kreuz Jesu schulterte, um ihn die letzten Meter nach Golgatha zu begleiten. Simon gehörte nicht zu den Starken, nicht zur Elite, nicht zu den gut Ausgebildeten und Fitten. Simon mag ein Tagelöhner gewesen sein oder einer, der – auch wenn ihm das Feld gehören haben sollte – selber unter der brennenden Sonne schuften musste.

Diakonie geschieht unter dem Kreuz. Dort ist nicht der Platz der Starken.

Nächstenliebe, christliche Hilfe geht in die Irre, wenn sie meint, die Hilfe der Starken für die Schwachen zu sein. Nächstenliebe oder christliche Solidarität – um ein moderneres Wort, das aber auch aus der Mode zu kommen droht, zu gebrauchen – Nächstenliebe oder christliche Solidarität lebt von der Hilfe, die Menschen einander zu geben bereit sind, seien sie nun gerade stark oder schwach. Denn wir wissen darum, dass Stärke und Schwäche immer nur Momentaufnahmen sein können. Wer sich heute stark fühlt, kann morgen zu den Schwachen gehören. Und wer heute schwach scheint, kann unbändige Kräfte sein eigen nennen.

Der Blick auf das Kreuz bewahrt uns davor, zu den Mächtigen gehören zu wollen, zu den gefeierten Figuren der medialen Aufmerksamkeit, den starken politischen Playern oder den erfolgreichen Managern großer Unternehmen. Noch dazu haben wir das Glück, evangelisch zu sein und von klein auf gelernt zu haben, dass eine kleine Schar, die in der Minderheit lebt, selbstbewusst etwas beizutragen hat und sich des Evangeliums nicht schämen muss.

So bleiben wir auch davor bewahrt, unser Wir-Gefühl aus der Abwertung anderer ziehen zu müssen; oder uns den gerade erfolgreich Scheinenden anbiedern zu müssen. Das Streben nach Hegemonie ist uns fremd. Dass das Leben nur im Pluralismus spielt, kennen wir seit Jahrhunderten.

Über Simon von Kyrene wissen wir wenig. Wir wissen nicht, wie es ihm erging unter dem Kreuz. Wir wissen nicht, ob er mit Jesus gesprochen hat. Wir kennen seinen Namen und die Namen seiner Kinder. Das gibt ihm Bedeutung.

In der Ikonographie wird Simon oft als Schwarzer dargestellt, in Lateinamerika auch als Indigener. Mit Simon von Kyrene können sich viele identifizieren, die wissen, was es heißt, unter dem Kreuz zu sein, und die wissen, dass das Leben nicht im Möglichkeitsmodus spielt. Simon hat das Kreuz auf sich genommen. Er hatte keine Wahl.

Diakonie geschieht unter dem Kreuz. Und sie hat keine Wahl. Ein anderer hat für uns gewählt. Gott selbst ist Mensch geworden. Hat sich an die Seite der Menschen gestellt – an die Seite der Schwachen, der Armen, der Elenden, derer, die sich nicht selbst zu helfen wissen. Er hat für uns gewählt.

Das ist das große Missverständnis, wenn veröffentlichte Meinung oder Politik meinen, der Wind habe sich gedreht, die Stimmung habe gewechselt: Warum segelt ihr nicht mit im Sturm der Entrüstung und allgemeinen Empörung? Warum macht ihr den Sprachwechsel nicht mit und sprecht immer noch von flüchtenden Menschen und nicht von Migrantenströmen? Warum sprecht ihr immer noch von der unaufgebbaren Persönlichkeit von Menschen mit Demenz, auch wenn das vergessen sie eingeholt hat? Warum, so wurden die Diakonissen in Gallneukirchen während der Naziherrschaft gefragt, versteckt ihr die Behinderten im Wald, wenn die schwarzen Busse der Euthanasie kommen?

Die Antwort ist immer die Gleiche: Wir haben keine Wahl. ER hat für uns gewählt. Gott ist Mensch geworden. In jedem und jeder begegnet uns Gott.

Die Predigt gibt es auch zum Nachhören auf Soundcloud

Wenn es in der Rede zum Weltgericht heißt: „Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.“ Dann nehmen wir das ernst. Dieser Ernst ist nicht verhandelbar. Er ist Auftrag und Überzeugung.

Keine Wahl zu haben, dort zu stehen, wo Hilfe gebraucht wird, kann auch in ein ethisches Dilemma führen.

Wem hilft Simon von Kyrene? Hilft er dem Leidenden, der sich kaum noch auf den Beinen halten kann und unter der Last des Kreuzes zusammenzubrechen droht und schafft ihm Erleichterung? Oder hilft er der Obrigkeit, die ihr Werk vollendet sehen will und Jesus am Kreuz?

Dieses Dilemma begleitet in anderer Weise immer auch die Diakonie. Arbeiten wir unter Bedingungen, die eigentlich nicht zu verantworten sind, wie etwa in der Begleitung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge, die den politisch Verantwortlichen immer nur die Hälfte dessen wert waren und sind, wie es österreichische Jugendliche sind? Investieren wir da die Spendengelder, die uns anvertraut sind, in richtiger Weise?

Das Dilemma ist nicht einfach auflösbar.

Simon von Kyrene hatte keine Wahl, er half weil er helfen musste – einerseits wegen des unsäglichen Leidens des Geschundenen, andererseits wegen des römischen Gesetzes. Diakonie hat ihren Ort bei den Menschen, die der Hilfe bedürfen, die unter die Räder zu kommen drohen, die nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen und nicht im Wohlstand leben.

Was uns aber dieser kurze Ausschnitt aus der Passionsgeschichte besonders vor Augen führt, ist: Jede und jeder sind hilfsbedürftig.

Die Bibel sagt uns, dass unser Herr selbst auf Hilfe angewiesen war. Denken wir an die Geburt: Gott wird Mensch in der bedürftigsten Weise. Denken wir an die Flucht nach Ägypten oder eben an Simon von Kyrene, der sein Kreuz schleppen muss. Der Gottessohn braucht Hilfe.

Seitdem muss sich niemand mehr schämen, auf Hilfe angewiesen zu sein. Sich helfen zu lassen, ist genauso „göttlich“ wie zu helfen.

Der Begründer der modernen Diakonie, hierzulande bekannt als Erfinder des Adventkranzes, Johann Hinrich Wichern, hatte schon Mitte des 19. Jahrhunderts geschrieben: „Jesu Diakonie erfüllt sich darin, dass er nicht nur das Subjekt der Diakonie, sondern auch das Objekt derselben wird; das heißt aber: Ohne Hilfe nötig zu haben und bereit zu sein, sie anzunehmen bliebe also auch unsere heutige Diakonie unvollständig.“

So sind wir nun zugleich Subjekte der Diakonie und Objekte, sind hilfsbedürftig und hilfsbereit, je nach Lebensphase und Möglichkeit.

Was wir aber immer sind: Wir sind Hoffnungsträger. Hoffnungsträgerinnen sind die viele Mitarbeiterinnen der Diakonie. Es gibt hauptamtliche und ehrenamtliche Hoffnungsträger. Hoffnungsträgerinnen sind die, für die und mit denen die Diakonie lebt und arbeitet in Wohngemeinschaften und Beratungsstellen, für Menschen mit Behinderung, Pflegebedürftige und Menschen auf der Flucht, denn sie alle bringen reiche Gaben mit, die manchmal erst geweckt werden müssen, die wachsen müssen, die oft behindert werden oder gebrochen worden sind.

Denn wenn Diakonie unter dem Kreuz geschieht, so geschieht sie auch im Horizont der Hoffnung, dass das Leiden und der Tod nicht das letzte Wort haben.

Wenn Hoffnungen drohen verschüttet zu werden, wenn Hoffnungen unter angeblichen Sach- und Sparzwängen begraben werden müssen oder zerstört werden von Dummheit und Bosheit, dann können wir uns damit nicht abfinden.

Hinter jedem Nein, das uns entgegenschlägt, suchen wir das Ja.

Denn: Hoffnung braucht ein Ja. Hoffnung braucht ein Ja zum Leben, zum Leben jedes Einzelnen.

Deshalb ist die Diakonie eine ernste Sache, weil es immer ums Leben geht. Aber deshalb ist die Diakonie auch eine fröhliche Sache, denn wir geben die Hoffnung nicht auf. Das nennen wir Glauben.

Wir glauben daran, dass jede und jeder Gottes Ebenbild ist, ihm oder ihr wie aus dem Gesicht geschnitten. Wir glauben daran, dass uns allen diese Erde geliehen ist und alle ihren Anteil daran haben sollen. Wir wissen, da ist mehr als wir zu denken vermögen. Denn: „Wenn das, was ist, sich ändern lässt, ist das, was ist, nicht alles!“

Das Kreuz der Diakonie trägt eine Krone. Gefertigt aus gebräuntem Baublech, war es wohl mühsam, die Bögen der Hoffnung aus dem Blech herauszufeilen. Die schwieligen Hände der Bauarbeiter aus Serbien waren auch so filigrane Feinarbeiten nicht gewohnt. Deshalb sind die Bögen der Krone auch ausufernder als es das CD-Handbuch der Diakonie erlauben würde. Daraus gewinnt dieses Kreuz seine Schönheit. Die Krone der Hoffnung gibt Stärke und Zuversicht.

Diakonie geschieht unter dem Kreuz. Sie hat keine andere Wahl, als an der Seite derer zu stehen, die der Hilfe bedürfen.

Die Diakonie weiß, dass sie selbst der Hilfe bedarf.

Und sie weiß sich geborgen in Gottes großem Ja zu dieser Welt. AMEN.