Freiwillige HelferInnen für Flüchtlinge

Deutsch lernen ist mehr

Seit 8 Monaten gebe ich somalischen Mädchen in meiner südburgenländischen Heimat Deutschunterricht. Mädchen, die so alt wie meine eigene Tochter sind, aber die vom Leben um so vieles rauer und schlechter behandelt wurden.

11.04.2016
Porträt von Angelika Messner
Angelika Messner arbeitet als ehrenamtliche Deutschlehrerin mit somalischen Mädchen im Burgenland

Manchmal komme ich jedes Wochenende aus Wien ins Burgenland. Wenn mich meine Arbeit am Theater überschwemmt, auch nur einmal im Monat. Aber ich freue mich jedes Mal riesig, wenn ich die Mädchen wieder sehe. Und wenn ich sie nicht sehe, denke ich mit großer Zuneigung an sie.

Begonnen hat alles letzten Sommer

Als meine Freunde letzten Sommer sämtlich zu den Bahnhöfen pilgerten, um zu helfen, machte ich mir viele Gedanken, wie meine Hilfe aussehen sollte. Längerfristig sollte sie sein, das wusste ich, und mir auch längerfristige Erfahrungen zum Thema Integration bescheren. Der Diakonie Flüchtlingsdienst hat mir dann die 12 somalischen Mädchen im Haus der Jugend in Rechnitz vorgeschlagen und es war ein guter Vorschlag.

Ich teile mir den Unterricht mit meiner Mutter, die in den Wochen unterrichtet, in denen ich nicht ins Burgenland kommen kann und manchmal springt noch eine Dame ein, die ebenfalls mit den Mädchen arbeitet. In unseren besten Zeiten sind wir nicht nur 12, sondern einige mehr,  denn auch andere Frauen (und ihre Töchter und auch kleinen Söhne) kommen mittlerweile zum Unterricht. Am effektivsten ist der Unterricht, wenn wir es schaffen,  in zwei Gruppen zu arbeiten. Die Spannweite des Wissens war von Beginn an enorm und eine große Herausforderung. Wir hatten Mädchen in der Gruppe, die weder lesen noch schreiben konnten,  und  im Gegensatz dazu eine junge Frau, die fließend Englisch spricht und mir von Beginn an in der Kommunikation mit der Gruppe eine große Hilfe war.

Die Mädchen lernen sehr fleißig, aber am meisten, glaube ich, lerne ich selber.
Angelika Messner

Ich lerne, wie ich meine Sprache und meine Kultur am besten vermitteln kann. Ich lerne, dass junge Frauen in anderen Kulturen völlig andere Vorstellungen von ihrem Leben als Frau haben. Ich lerne Dankbarkeit. Ich lerne die kleinen Erfolge zu schätzen. Und ich lerne, dass  nicht alle immer lernen wollen.

Am Beginn war ich regelrecht gekränkt, wenn plötzlich nur 7 oder 8 von ihnen zum Unterricht kamen, wo ich doch meine freien Samstage „opferte“. Aber dann begriff ich, dass alle Menschen unterschiedlich sind, - natürlich, warum sollen somalische junge Frauen anders sein als österreichische, denke ich und erinnere mich an die Klasse meiner Tochter  -  und dass es sehr natürlich war, dass die einen wollen und andere sich eben überfordert fühlen an dem einen oder anderen Tag.

Rituale sind wichtige Anker in einer unsicheren Zeit

Und dann lernte ich die Wichtigkeit ihrer Rituale kennen. Einmal, ich erinnere mich gut, kamen nur wenige zum Unterricht, weil sie auf den Lieferanten für Halal-Fleisch warten mussten, der am Tag vor einem großen muslimischen Fest kam. Super, dachte ich, das Fleisch ist wichtiger als mein Unterricht. Aber ein Freund aus Simbabwe, der Ähnliches durchgemacht hat, erklärte es mir:

Rituale, Glauben und  Religion sind in dem Moment, wo man allen Halt, alle Sicherheit verloren hat, besonders wichtig. Sie können zum letzten Anker werden, und bekommen daher eine ganz besondere Bedeutung in solchen Krisenzeiten.- Und ich begriff und akzeptiere es.

Als Greenhorn habe ich begonnen zu unterrichten und nur gespürt, dass ich das eine oder andere Thema nicht anschneiden sollte, um sich gerade schließende Wunden nicht erneut aufzureißen.

Jetzt, nach all den Monaten und dem gewachsenen Vertrauen erfahre ich manchmal etwas aus ihrer Zeit „vor Rechnitz“: von Eltern, die nicht mehr am Leben sind, von der Flucht, von den Träumen und Wünschen, die sie mit sich herumtragen.

Am schönsten ist der Austausch

Am schönsten ist es, wenn der Austausch gegenseitig passiert. Wenn sie mich fragen, über meine Kinder, meinen Beruf, meine Lebenssituation. Dann wage ich auch schon mal die Gegenfrage und wir kichern gemeinsam über irgendwelche Träume, Mädchenverliebtheiten und Flausen, die sie haben wie alle anderen auch. Die mich so an die Mädchen rund um meine Tochter erinnern, und die ich für einen Moment mit ihnen teilen darf.

Mein schönstes Erlebnis hat sich in Wien zugetragen

Ich habe zwei von ihnen mit dem Auto mitgenommen und auf der Fahrt nach Wien erfahren, dass eine auf der Flucht ihre Brille verloren hatte. In Wien kenne ich eine sehr engagierte Optikerin, die Flüchtlingen gratis Brillen anmisst.  Es war nur ein Anruf, und wir wurden mit offenen Armen im Geschäft empfangen. Die Optikerin öffnete ihre Laden mit den Brillengestellen – und es waren nicht irgendwelche Ladehüter – nein, mein Mädchen durfte regulär aus allen Brillen wählen, was ihr gefiel. Die Freude war ihr ins Gesicht geschrieben – und mir auch. Großartig, dachte ich, wie einfach es doch ist, zu helfen. Und war selber wieder motiviert, weiter zu machen, auch wenn es manchmal stressig ist und ich meine Kraft und Zeit hier im Burgenland auch zum Regenerieren von meiner täglichen Arbeit bräuchte.

Wenn ich in Rechnitz bin, mit Ihnen in der Bibliothek sitze, die uns die Gemeinde zum Arbeiten zur Verfügung gestellt hat, wenn  ich die Mädchen  so ansehe und frage, wie es Ihnen heute so gehe und sie mich anstrahlen und sagen „gut“ oder sogar „sehr gut“ (und ich weiß, wie schwer diese Tage des ungewissen Wartens und zum Nichts-Tun-Verdammt-Sein eigentlich sind), dann bewundere ich sie für all ihre Kraft und ihren Lebenswillen, der sie so weit gebracht hat und sie hoffentlich irgendwann mit einem freien, glücklichen Leben belohnen wird.

Das ist ein Gastbeitrag von Angelika Messner. Sie ist Dramaturgin, Regisseurin, Autorin, in Oberwart aufgewachsen, lebt und arbeitet in Wien.

Ehrenamtliche Mitarbeit in der Diakonie. So funktioniert's

Über 2.000 Menschen helfen ehrenamtlich in der Diakonie. In diakonischen Einrichtungen und Gemeinden leisten sie wertvolle Unterstützung. Wenn Sie Interesse haben, die Arbeit der Diakonie freiwillig zu unterstützen, freuen wir uns, wenn Sie mit uns Kontakt aufnehmen. In dieser Übersicht finden Sie aktuelle Projekte und Einrichtungen, die Unterstützung suchen.