Von Gott und der Welt

Der Pfingstgeist ist bunt

Die Bibel kann auch als Fortsetzungsroman gelesen werden. In der Pfingstgeschichte von der Ausgießung des Heiligen Geistes bringt Gott Ordnung in die Verwirrung der Völker und Sprachen, die nach der Zerstörung des Turmbaus von Babel herrschte. Nach Babel gab es nicht mehr eine Sprache und ein Volk. Die Menschen verstanden einander nicht mehr.

23.05.2015
Eine Hand mit einem Turm aus Sand, der durch die Finger rinnt

Haben die Menschen in Babel nach Höherem gestrebt, einen Turm zum Himmel gebaut, so geschieht zu Pfingsten die Abwärtsbewegung Gottes zu den Menschen. Der Turm im Zentrum, das Zeichen der Macht, wird ersetzt durch den Geist, der alle erfüllt, indem er auf jede und jeden herabkommt. Zu Pfingsten wird eine Alternative zur gewaltigen Einheit Babels geschaffen, ohne zur Verlockung der Einheit zurückzukehren.

Nicht alle werden eins. Nicht alle sprechen wieder eine Sprache, nein, in Jerusalem spricht die neue Gemeinschaft des Heiligen Geistes viele Sprachen.

Jede und jeder hört das, was die Jüngerinnen und Jünger Jesu zu verkünden hatten, in ihrer und in seiner Sprache. Pfingsten überwindet die Verwirrung nicht, indem es zurückkehrt zu den falschen Idee der Einheit, der einen Sprache, sondern indem es fortschreitet zum Verstehen der verschiedenen Sprachen, der verschiedenen Lebensentwürfe, der Buntheit, wie wir heute sagen würden, der kulturellen Diversität. Daran kann Pfingsten erinnern, dass wir uns verstehen können, auch wenn wir nicht alle aus ein und demselben Holz geschnitzt sind.

„Von Gott und der Welt", die Kolumne von Michael Chalupka, erscheint jeden Samstag in der Kronenzeitung.