Von Gott und der Welt

Der Gefängnisgarten

Wittenberg, die Stadt, in der Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche vor 500 Jahren angeschlagen haben soll, hat sich zum Jubiläum herausgeputzt. Es erinnert fast an einen Wallfahrtsort.

17.06.2017

Von Lutherpralinen bis zu Luthersocken findet sich alles in den Vitrinen der Souveniershops. Am Rande der Stadt aber, im alten Gefängnis findet sich die Ausstellung „Luther und die Avantgarde“. Zeitgenössische Künstler setzen sich mit den zentralen Gedanken des Reformators und dem Motto „Freiheit und Verantwortung“ auseinander.

Früchte am Apfelbaum (Foto: Pixabay)
„Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“, soll Martin Luther einst gesagt haben. (Foto: Pixabay)

Im vorderen Gefängnishof blühen üppig Frühlingsblumen, dazwischen hat die Künstlerin Antje Majewski ein Apfelbäumchen gepflanzt. Der Garten schaut gar idyllisch aus. Doch die Künstlerin hat lauter Gewächse gepflanzt, die sie im Herbarium der Arbeiterführerin Rosa Luxemburg gefunden hatte. In das Herbarium hatte sie fein säuberlich die Blumen, die sie auf dem Gefängnishof gefunden hatte, getrocknet, gepresst und eingeklebt. Zwei Jahre und vier Monate verbrachte Rosa Luxemburg in Berlin, Wronke und Breslau im Gefängnis.

Antja Majewski hat in Wittenberg die innere Freiheit der Gefangenen 100 Jahre nach ihrem Tod zum Blühen gebracht. Der Betrachter erfreut sich an der Blütenpracht und nimmt sich vor, die eigene Freiheit, die ihm tagtäglich geschenkt ist, zu nutzen, für sich und andere. So kann ein Garten an der Gefängnismauer zum Gebet werden.

„Von Gott und der Welt“, die Kolumne von Michael Chalupka, erscheint jeden Samstag in der „Krone".