Von Gott und der Welt

Der Engel und Maria

Der Engel scheint gerade gelandet. Man meint noch die Turbulenzen zu erkennen, die seine Schwingen in die Luft gezeichnet haben. Maria weicht erschrocken zurück, ihre Hände signalisieren Abwehr.

21.12.2013
Eine Weihnachtskrippe mit Maria und Josef (Foto: Pixabay)
Foto: Pixabay

Die Szene, in der der Erzengel Gabriel Maria die Botschaft überbringt: „Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben", wie Sandro Botticelli sie gemalt hat.

Seinem berühmten Kollegen Leonardo da Vinci scheint diese Interpretation der Verkündigungsszene gar nicht gefallen zu haben, meinte er doch: „... vor einigen Tagen sah ich das Bild eines Engels, der, die Verkündigung aussprechend, Maria aus ihrem Zimmer zu vertreiben schien, mit Bewegungen, die aussahen wie ein Angriff, den man gegen einen verhassten Feind führen könnte; und Maria schien sich wie verzweifelt aus dem Fenster stürzen zu wollen."

Versetzt man sich jedoch in die Situation der jungen Frau, die von einer unerwarteten Botschaft überrumpelt wird, versteht man ihre Abwehr. Botticelli malt Maria gleichzeitig auch als Herrin der Situation. Der Engel kniet ihr zu Füßen. So ist ihr Ja zur Schwangerschaft eine souveräne Entscheidung. Der Geburt Jesu, des Weltenretters, steht nichts mehr im Weg. Weihnachten kann kommen. Botticelli hat nicht nur das Ja festgehalten, sondern auch den Moment, in dem es anders kommen hätte können. Leonardo war mit Recht erschrocken.

„Von Gott und der Welt“, die Kolumne von Michael Chalupka, erscheint jeden Samstag in der „Krone".