Von Gott und der Welt

Der Bär

Ich glaub, ich war ein Bär. Zumindest in meiner Erinnerung. Das Foto von der Faschingsfeier in meiner Volksschule gibt da nicht so genau Auskunft. Wir hatten alle zwei Ohren aus Seidenpapier auf dem Kopf und eine dazu passende Halskrause. Das Bild ist Schwarz-Weiß, in meiner Erinnerung war das Kostüm aber braun, so wie es Bären eben sind.

06.02.2016
Ein Braunbär

Doch runde Ohren haben viele Tiere. So haben sich meine Mitschülerinnen wohl als ganz unterschiedliche Tiere gefühlt, als Tiger und Löwinnen, als Mäuse oder Koalas. Die Verkleidung bot Spielraum zur Interpretation. Einzig das Bärenkostüm ist mir von den vielen Faschingsfesten meiner Kindheit in Erinnerung geblieben. Die vielen Cowboy- und Indianergewänder sind vergessen.

Der Fasching ist ja die Zeit, in der wir uns trauen können, ein bisschen zu zeigen, was sonst noch in uns steckt. Niemand ist nur der eine. In vielen stecken Träume und Sehnsüchte, die im normalen geregelten Alltagsleben oft verschüttet sind. Ödon von Horvath, der österreich-ungarische Schriftsteller, hat einmal geschrieben:

Eigentlich bin ich ganz ­anders, nur komme ich so selten dazu.
Ödon von Horvath

Wer weiß, vielleicht gibt es im ganz anderen Seiten von uns, die überraschend und liebenswert sind oder aber auch ein wenig bedrohlich und verschroben. Im Fasching können wir ausprobieren, was in uns steckt und uns damit anfreunden. Dann kommen wir vielleicht auch das Jahr über mehr dazu, anders zu sein. Die zu sein, die wir eigentliche sind.

„Von Gott und der Welt", die Kolumne von Michael Chalupka, erscheint jeden Samstag in der Kronenzeitung.