Von Gott und der Welt

Den Himmel hören

Unsere Ohren sind wahre Meisterwerke der Natur. Wir hören die Welt noch bevor wir sie sehen.

14.11.2015
ein Ohr

Schon vor der Geburt sind die Ohren das wichtigste Sinnesorgan. Mit ihnen beginnt unser Bewusstsein. Das Kind hört im Mutterleib den Herzschlag der Mutter und den Gesang der Väter: Ehe der Mensch mit irgendeinem anderen Sinn die Welt wahrnehmen kann, nimmt er sie mit dem Ohr wahr.

Mit dem Hörsinn können wir auch Dinge begreifen, die wir weder angreifen noch sehen können. Der musikalische Reformator Martin Luther, der durch die Sprache seiner Übersetzung die Bibel zum Klingen brachte und den biblischen Text zu einem Hörerlebnis, meinte in einer Predigt:

Obwohl man sein Reich nicht sieht, wie man das weltliche sieht, so hört man‘s dennoch. Das Reich Christi ist ein Hör-Reich, nicht ein Sehe-Reich. Denn die Augen leiten und führen uns nicht darin, da wir Christus finden und kennen lernen, sondern die Ohren müssen das tun. Das Reich Christi entsteht allein im Gehör.

Für Martin Luther war es der biblische Text, aber vor allem auch die Musik in der der Himmel hörbar wurde. Zu seinen Zeiten jedoch gab es Musik nur live, nicht aus der Konserve. Und schon gar nicht berieselte sie uns beständig aus Lautsprechern in Restaurants und Supermärkten. So haben wir es heute schwerer den Himmel, das Reich Gottes und die englischen Sphären zu erlauschen, bei all den Nebengeräuschen. Doch wer Ohren hat der höre! Denn unsere Ohren sind wahre Meisterwerke der Natur.

„Von Gott und der Welt", die Kolumne von Michael Chalupka, erscheint jeden Samstag in der Kronenzeitung.