Nicht trennen zwischen Architektur für Bedürftige und Architektur für Nicht-Bedürftige

Das Wichtigste ist die Leistbarkeit von Wohnraum

Gabu Heindl, Architektin und Stadtplanerin, ist spezialisiert für öffentliche Kultur- und Sozialbauten, städtebauliche Studien und Planungen. Im Interview spricht sie über die Herausforderungen bei der Gestaltung öffentlicher Bauten.

01.08.2017
Porträtfoto Gabu Heindl, Stadtplanerin
Gabu Heindl, Architektin und Stadtplanerin (Foto: Arno Gattinger)

Gabu Heindl im Interview mit Sara Scheiflinger über die Herausforderungen bei der Gestaltung öffentlicher Bauten und Infrastrukturen, wenn der Planungs- und Umsetzungsprozess sowie das Ergebnis inklusiv und nichtdiskriminierend werden soll.

Wenn man wie Sie das Thema Wohnen aus verschiedenen Perspektiven betrachtet – nämlich  Wohnen für Menschen, die von Armut und/oder Obdachlosigkeit bedroht sind, für Geflüchtete, für Menschen mit Behinderung, für Menschen im Alter. Was ist dann aktuell die größte Herausforderung?

Das wichtigste Anliegen ist aktuell die Leistbarkeit von Wohnraum. Das betrifft beinah alle Bevölkerungsgruppen und hat letztlich nicht so viel damit zu tun, ob man gegenwärtig arm oder alt ist. Älter wird jedeR bzw. ist auch niemand davor gefeit, selbst in eine Situation zu kommen, wie zum Beispiel ‚working poor‘: trotz Arbeit zu arm zu sein für eine Wohnung. Dass Zugang zu gefördertem Wohnbau davon abhängig gemacht wird, wie lange man wo gemeldet ist, macht den frei finanzierten Wohnraum noch mehr zum lukrativen Markt – gerade in Zeiten, wo viele Menschen auf der Flucht sind. Also kurz gesagt: es geht um leistbaren Wohnraum für alle - und zwar als internationales Menschenrecht.

Sie sind als Stadtplanerin und Architektin auch auf die Realisierung von öffentlichen Sozialbauten spezialisiert – was bedeutet das heutzutage?

Eigentlich würde ich es gern öffentliche Bauten nennen und nicht Sozialbauten. Architektur und Städtebau betreffen grundsätzlich den sozialen Raum. Es soll auch nicht darum gehen, zwischen Architektur für Bedürftige und Architektur für Nicht-Bedürftige zu trennen. Stadt ist sozialer Raum und das besonders im öffentlichen Bereich. Insofern geht es vor allem um Fragen von Verteilungsgerechtigkeit, Fragen von Zugang zu Räumlichkeiten, zum Zentrum der Stadt etc., aber auch zu guten Schulen, Kindergärten oder Infrastruktur.

Sie haben das Projekt ‚Intersektionales Stadthaus‘ (siehe Factbox) gemeinsam mit dem ‚Verein für die Barrierefreiheit in der Kunst, im Alltag, im Denken‘ realisiert. Können Sie zur Idee und Umsetzung ein paar Worte sagen?

Ich glaube das, was dieses Projekt auszeichnet, ist zum einen, dass es ein selbst-initiierter Umbau eines drei-geschoßigen Hauses zu einer großen barrierefreien Wohngemeinschaft ist. Das heißt, es geht um kreatives Umbauen von Bestand. Das ist etwas, das grundsätzlich ein großes Potenzial hat, allerdings stark davon abhängig ist, ob es tatsächlich Zugang zu Leerstand gibt. Zum anderen ist bei dem Projekt im 16. Bezirk in Wien interessant, dass der Verein oder auch die Baugruppe ein ganzes Haus zu leistbarer und unbegrenzter Miete gefunden hat. Und nicht zuletzt stecken in dem Projekt zwei Aspekte eines historischen Bezugs zur Zeit des Roten Wien: zum Selbstbau der Wiener Siedlerbewegung und zum sozialen Wohnexperiment namens Einküchenhaus.

Die Gruppe von 15-20 Leuten will auch nicht nur wohnen, sondern versteht Wohnen immer schon als Kombination aus Arbeiten, Vereinstätigkeit und mehr. Wohnraum ist nie nur für Wohnen da.

Ein Grundsatz der UN-Behindertenrechtskonvention lautet: ‚Nicht ohne uns über uns‘. Welche Erfahrungen machen Sie diesbezüglich – wird das mitgedacht?

Im Grunde finde ich, ist das ja eine rechtliche Sache. Anti-Diskriminierung kann man, muss man einschreiben als Recht. Um noch mal kurz auf unser Projekt zurückzukommen – was ich sehr lehrreich finde ist, dass es hier vonseiten der NutzerInnen ein extrem differenziertes Umgehen mit Standards gibt. Das heißt: Obwohl wenig Geld vorhanden war, war klar: Gewisse Standards werden selbstverständlich umgesetzt. Es gibt barrierefreien Zugang zu jeder Ecke im ganzen Haus, jedes Badezimmer ist barrierefrei. Zugleich wurden andere Standards in gemeinsamen Einverständnis reduziert. Im Sinn von: Wo kann eingespart werden. Also haben sie für den Umbau z.B. nicht eine einzige Fliese gekauft, sondern lediglich von anderen Baustellen recycelt und haben sich generell viel second hand zusammengesammelt. Davon kann man einiges lernen, während aber eben gleiches Recht auf Barrierefreiheit von Beginn an nicht diskutabel, sondern eine unverrückbare Selbstverständlichkeit war. Übrigens verstehen Verein und Projekt Barrierefreiheit im doppelten Sinn: keine physischen Hürden, aber auch keine finanziellen oder rassistischen; und das heißt eben auch Zugang zu solchen Formen von un-standardisiertem Wohnraum gerade auch für Menschen, die kaum Mittel haben.

Das Schlimme ist, dass heute, in der Spar- und Austeritätspolitik oft sehr gemeine Fragen gestellt werden, wie z.B. ‚Macht es nicht finanziell Sinn, diesen Teil nicht barrierefrei zu bauen?‘ Es ist total problematisch, wie hier finanzielle Interessen gegen Rechte ausgespielt werden.

Wäre das Ziel eine inklusive Stadt, die auch über Gesetzgebung zu erreichen wäre?

Ich bin überzeugt davon, dass es eine klare proaktive Gesetzgebung in der Stadtplanung braucht. Es wird (und soll auch) immer private Interessen geben, die etwas Profitables umsetzen wollen – übrigens in der derzeitigen Finanzkrise umso mehr in Form von städtischen Immobilien, vorzugsweise Wohnbau, weil dieser eben rar ist –, und für diese Momente braucht es die öffentliche Vertretung, die dafür sorgt, dass ohne eingeplante Ausschlüsse gebaut wird; ebenso wie dafür, dass kommunale Errungenschaften wie leistbares Wohnen, öffentlicher Raum, kollektive Möglichkeitsräume, aber auch Minderheitenschutz gewahrt bleiben. Minderheitenschutz ist immer die erste Basis für demokratisches Planen.

Welchen Unterschied machen Sie zwischen Stadt und Land aus?

Ich habe mir in letzter Zeit auch einiges an neuem Wohnbau z.B. in Niederösterreich angeschaut, und auch das ist teilweise untragbar. Auf dem Land geht es unter anderem um wirkliche Alternativen zum Einfamilienhaus. Aber stattdessen finden wir Wohnungsangebote mit „08-15“ Grundrissen, kleinsten Zimmer-Zuschnitten, oft in lieblos gestalteten Wohnblöcken, sie sind eher eine Überbrückung, bis oder falls man sich das eigene Häuschen leisten kann. Wenn man der Zersiedelung sowie der Ungleichheit etwas entgegenhalten will, braucht es am Land mindestens genauso viel Kreativität, neue Wohnkonzepte zu denken, wie in der Stadt. Und übrigens: Auch im ländlichen Bereich gibt es die Leerstandsthematik! Das hat sich vor allem in der Situation gezeigt, in der AsylwerberInnen nach Quote in ganz Österreich verteilt wurden und an diversen Gemeinde-Rändern Container aufgestellt wurden, obwohl es im Dorfzentrum oder im Ortskern sehr viel Leerstand gab. Es gab einfach keine Mobilisierungsmöglichkeit für die Freimachung des Leerstands. Da haben so manche BürgermeisterInnen über Leerstandssteuern diskutiert. Ob Stadt oder Land: es braucht Formen von politischer Regelung, damit bewohnbarer Raum nicht spekulativ als Anlageobjekt herumsteht. Leerstand ist einfach ganz grundsätzlich egozentrisch. Leerstand kostet die Öffentlichkeit sehr viel, aber diejenigen, die das Objekt leer stehen lassen, sehr wenig. Ob aus Bequemlichkeit oder technischen bis zu rassistischen Gründen – da gibt’s eine Breite an Möglichkeiten, warum selbst in der größten Not Leerstand nicht geöffnet wird.

In diesem Kontext ist auch die Versorgung eine zentrale Frage – vor allem im Zuge eines demographischen Wandels hin zu einer alternden Gesellschaft…

Ja, es geht um Generationenwohnbau, aber auch um die Frage danach, wie wir emanzipierendes Wohnen möglich machen können – auch in Hinblick auf Nah-Versorgung, Mobilität und Infrastruktur. Und: In dem Moment, in dem weder älteren Generationen, Jüngeren oder Neu-Ansäßigen durch Wohnen Existenzängste oder Alltagsschwierigkeiten entstehen, wird es leichter, sich gegenseitig zu unterstützen. Ob man nun verwandt ist oder nicht.

 in der Küche einer Hausgemenschaft
Freiwilliger und Bewohnerin in der Küche einer Hausgemenschaft der Diakonie (Foto: Diakoniewerk)

Es gibt ja auch die Idee der Alters-WG. Glauben Sie, das wird das Zukunftskonzept?

Ich glaube, dass es viele Leute sehr gewohnt sind, die Tür hinter sich zumachen zu können. Und auch die Küchentür. Und aber sehr wohl nach Formen suchen, im Alter nicht allein leben zu müssen. Wir werden immer neue Hausformen entwickeln, die es möglich machen, dass sich neue Bekanntschaften bilden, ebenso wie bestehende Bekanntschaften nebeneinander einziehen können. Das geht weg von einer top-down Zuteilung von fertigem Stadt- und Wohnraum, hin zu mehr Möglichkeiten von Eigeninitiative und Gestaltungsfreiheit.

Klar ist jedenfalls: Unsere Städte werden dichter werden müssen. Das ist eine Sache von Gerechtigkeit. Und so stellt sich die Frage: Wie ist Wohnraum in Zukunft verteilt? Oder nennen wir es nicht Wohnraum, denn wir sollten keine Schlafstädte mehr bauen, sondern fragen: Wie ist vielfältiger Alltagsraum verteilt?

Österreich hat die UN-Behindertenrechtskonvention unterschrieben, die unter anderem auch Ableitungen und Forderungen zum Thema Wohnen bietet. Findet hier eine Zusammenarbeit mit Behindertenverbänden oder öffentlichen Stellen statt, um diese Forderungen umzusetzen? Oder auch in anderen Themenbereichen wie Menschen im Alter oder geflüchtete Personen.

Grundsätzlich ja. Es gibt im Moment auch viele Projekte, die einen spezifischen Fokus setzen, ob für Geflüchtete, Menschen im Alter, Studierende oder Menschen mit Behinderung. Wobei inklusive Stadtplanung neben spezifischen Angeboten vor allem die offenen, frei wählbaren bedeutet. Da ist die Frage, wie man es schafft, Räume so zu bauen, dass sie allen gleichen Zugang und gleiche Möglichkeiten bieten. Möglichkeit heißt auch, den Raum freier nutzen zu können, zu ändern und vor allem auch behalten zu können. Und das bedeutet: Schluss mit Befristungen! Weiters braucht es eine umfassende Mietpreisdeckelung, eine Steigerung von gefördertem Wohnbau, nicht zuletzt ein Ende der Spekulation mit Grundstücken. Es ist höchst relevant, dass es politische Maßnahmen gibt, die Wohnraum aus der kapitalistischen Verwertung raushalten.

Was ist Ihrer Meinung nach notwendig, damit selbstbestimmtes und leistbares Wohnen für alle möglich wird?

Ich wünsche mir eine proaktive, progressive Umverteilung, die mit Wohnbausteuern von Reichtum zu Armut umverteilt. Und übrigens: Dieser Wunsch ist absolut keine Utopie – das ist etwas, das wir schon einmal gehabt haben: im Wien der 1920er Jahre.

Intersektionales Stadthaus

Kooperative Planung und kollektiver Umbau eines dreigeschoßigen Hofhauses in Wien Ottakring. Umgesetzt von Gabu Heindl und dem Verein für die Barrierefreiheit in der Kunst, im Alltag, im Denken.

Ihr gemeinsames Ziel war es, eine zur Kleinfamilienwohnung alternative, solidarische Wohnform zu entwickeln. Nach längerer Suche war ein teils ungenutztes Hofhaus in der Grundsteingasse gefunden, um eine Art "Einküchenhaus" samt kollektiven Vereinsräumen umzusetzen.

Gruppe beim Planen des zukünfigen gemeinsamen Wohnumfeldes
Gruppe beim Planen des zukünfigen gemeinsamen Wohnumfeldes (Foto: Alejandra Loreto)