Von Gott und der Welt

Das Gebet der alten Dame

Es gibt gemütlichere Plätze als das Straßeneck hinter dem Schubhaftgefängnis in Wien. Dort stehen nur zwei Altglascontainer.

13.12.2014
Teelichter, die im Dunklen leuchten (Bild: Pixabay)
Menschen schützen, statt Grenzen schützen (Foto: Pixabay)

Donnerstag am Abend aber wurde dieses zugige Eck unweit des Gürtels zum Ort des Gebets. Rund 200 Christinnen und Christen waren gekommen, um der Toten zu gedenken, die im Mittelmeer ertrunken sind, als sie ihr Heil in der Flucht nach Europa suchten. Der Klage und der Fürbitte sollte Raum gegeben werden. Neben der Kirchenleitung einiger Kirchen des Ökumenischen Rates, der zu diesem Gebet eingeladen hatte, ist mir noch einen ältere Dame aufgefallen, die auf einem Klappsessel, den ihr ihre Pfarrerin mitgebracht hatte, sitzend mitbetete.

Sie ist nicht mehr gut zu Fuß, aber sie wollte unbedingt kommen. Sie hat selbst erlebt, was Vertreibung heißt, wie schrecklich ihre Flucht gewesen ist, als ihre Familie alles hinter sich lassen musste. Sie hatte aber auch erlebt, was es heißt, wenn einem geholfen wird und man in der Fremde neue Wurzeln schlagen darf. Sie hat damals gebetet – und wollte das auch heute tun.

Zur gleichen Zeit fand in der UNO eine politische Diskussion über die Seerettung von Flüchtlingen statt. Der Hochkommissar für Flüchtlinge, Antonio Guterres, warnte davor, dass manche Regierungen zunehmend dem Abwehren von Fremden eine höhere Priorität geben als dem Recht auf Asyl. Die Rettung von Menschenleben müsse oberste Priorität haben. Möge seine Warnung und das Gebet der alten Dame erhört werden.

„Von Gott und der Welt", die Kolumne von Michael Chalupka, erscheint jeden Samstag in der Kronenzeitung.