Flüchtlinge auf der Dublin-Wartebank: Werden sie bleiben dürfen? - Was sollen wir den Menschen sagen?

Erstellt von Gastautor/ in, am 25. November 2016.
Tags: Flüchtlinge, Dublinverfahren, Familie
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Vielen von uns, die angetreten sind, um den Menschen auf der Flucht das Ankommen zu erleichtern, fällt die tägliche Arbeit zunehmend schwerer. - Für uns als BetreuerInnen und BeraterInnen stellt sich die Frage: was erwartet man jetzt von uns?
geflüchtete Familie bei der Ankunft in einem Flüchtlingslager
Asyl ist ein Menschenrecht!
Vielen von uns BetreuerInnen, die angetreten sind, um den Menschen auf der Flucht das Ankommen zu erleichtern, fällt die tägliche Arbeit zunehmend schwer. Familien werden abgeholt, aus ihrem beginnenden neuen Leben heraus gerissen, und zurück nach Kroatien gebracht. - Für uns als BetreuerInnen und BeraterInnen stellt sich die Frage: was erwartet man eigentlich von uns?
Bewohnerinnen im Haus Aigen
Die Familien im Haus Aigen sind verunsichert, weil es in letzter Zeit vermehrt Dublin-Abschiebungen nach Kroatien gibt. (Foto: Katharina Orlowska)

Ein Beitrag von Katharina Orlowska, Psychologin und Leiterin des Flüchtlingsquartiers „Haus Aigen“ der Diakonie in Aigen/Ennstal (Steiermark)

Im Moment beherbergen wir in unserem Flüchtlingshaus in Aigen im Ennstal 48 Personen aus Somalia, Syrien, dem Iran, dem Irak und aus Afghanistan. Es sind größtenteils Familien – und das ist auch das Leitmotto des Hauses: „Wir sind Familie“.

Ich möchte beschreiben, was wir in letzter Zeit hier erleben, und ich möchte beschreiben, wie es den Menschen in dieser Situation damit geht: Den BewohnerInnen des Hauses, den BetreuerInnen, und den Menschen in der Gemeinde, in Aigen im Ennstal, die sich mit uns gemeinsam um ein gutes Zusammenleben aller im Dorf bemühen.

Die langen Wartezeiten auf Interview-Ladungen und Bescheide der Asylbehörden, die klarstellen, ob für diese Menschen eine sichere Zukunft in Österreich möglich ist,  … beeinflussen die Stimmung und die Gefühle  unserer Hausbewohner. …führen bei den Bewohnern zu Schlaflosigkeit, zu Konzentrationsschwierigkeiten, zu vielen psychosomatischen Beschwerden.
Die Entscheidungen, ob diese Menschen in Österreich bleiben dürfen, oder ob– wie es die Dublin Verordnung vorsieht – nach Monaten des Wartens und Bangens, aber auch Lernens und sich Integrieren-Wollens, vielleicht doch nicht Österreich für ihren Schutz zuständig ist, sondern Kroatien, sind ebenfalls eine große Belastung für unsere BewohnerInnen.
Dass für diese Entscheidungen vor allem eines nicht bestimmend ist: der Grad der „Integrationsbereitschaft“, unserer BewohnerInnen, beeinflusst sehr stark die Stimmung und die Gefühle  unserer Hausbewohner.  -  Die letzte aus unserem Haus abgeholte syrische Familie, die wir als bereits sehr gut integriert erlebt haben, wurde im Rahmen des Dublin-Verfahrens nach Kroatien überstellt.
Drei Personen sitzen vor dem Eingang zum Flüchtlingsquartier in Aigen im Ennstal  (Foto: Katharina Orlowska)
Die Unsicherheit ist auch im Haus Aigen groß

Niemand konnte etwas an dieser Entscheidung ändern. Die Geschichte ging so aus, dass die beiden Kinder Yassin und Youssuf aus ihrem bereits gewohnten Schulumfeld gerissen und mit ihren Eltern von einigen Polizisten in den frühen Morgenstunden eines Schulferientages abgeholt wurden. – Auch alle Versuche, den zuständigen Bearbeitern zu erklären, dass (wie zum Beispiel die Plattform ehrenamtlich arbeitender Juristen und Menschenrechtsaktivisten Border Crossing Spielfeld bereits dokumentiert hat) Kroatien (aktuell) nicht für die sichere oder für die Familie adäquate Unterbringung und medizinische Versorgung der psychisch und körperlich stark angeschlagenen Mutter garantieren kann, wurden ignoriert.

Vielen von uns, die angetreten sind, um den Menschen auf der Flucht das Ankommen zu erleichtern, fällt die tägliche Arbeit zunehmend schwerer.

Zwei Kinder aus dem Haus Aigen beim Tag der offenen Tür
Die Kinder erleben die erneute Verunsicherung ihrer Eltern und haben Angst (Foto: Katharina Orlowska)
Für uns als BetreuerInnen und BeraterInnen stellt sich die Frage: was erwartet man jetzt von uns? Was möchten die Herren und Damen vom Innenministerium, der Landesregierung, des Bundesamts für Fremdenwesen und Asyl, dass wir tun? - Wie sollen wir mit den uns anvertrauten Menschen arbeiten, wenn sie jede Nacht damit rechnen müssen, dass sie abgeholt und über die Grenze gebracht werden, wo sie dann wieder von neuem beginnen müssen?

Dieses Ohnmachtsgefühl, das Warten auf eine Entscheidung , eine Abschiebung oder das berühmte „Interview“ - , die Trostlosigkeit, diese Ungewissheit – erschwert vielen Menschen, die auf der Flucht bei uns gelandet sind, das schnelle Erlernen unserer Sprache und das Sich-einlassen-können auf unsere gesellschaftlichen Anforderungen.

Weil Österreich aber ein solches Vorgehen beschlossen hat, werden Menschen depressiv und müssen Ängste durchstehen, die sich niemand vorstellen kann, der es nicht selbst erlebt hat!

Auch für die Gemeinden, die sich, - wie die Gemeinde Aigen im Ennstal dankenswerterweise so sehr bemühen, die neuen Mitbürger einzugliedern, ist diese Unsicherheit eine sehr schwierige Situation. Die BürgermeisterInnen geraten in Erklärungsnot gegenüber der Bevölkerung angesichts dieser politisch inkongruenten und nicht menschenfreundlichen Umstände. Hier werden seit Monaten besondere Angebote auf die Füße gestellt, Rahmen zum gegenseitigen Kennenlernen und zusätzliche Gemeindearbeitsplätze geschaffen. Die Gemeinde steckt unendlich viel Kraft, Energie und Enthusiasmus in das „Projekt“ Integration. Es ist schwer zu erklären und auch zu verstehen, warum ein Asylwerber an einem Tag noch zur eigens für ihn geschaffenen Arbeit kommt, und sich plötzlich „nicht mehr blicken lässt“.

Und schließlich: Wie viel Kraft, Energie und Enthusiasmus kann man Asylwerbern abverlangen?

Was hier geschieht, ist unmenschlich und ungerecht. Es ist eine Entwicklung, die Angst macht. Nicht nur den Hilfesuchenden, sondern auch den HelferInnen.  

Die Menschen leben in Unsicherheit und Ungewissheit. Und trotzdem wird ihnen „Integration“ abverlangt:

In der Steiermark ist ein Deutschkurs für alle Asylwerber in der Grundversorgung ein Muss, auch eine „Integrationserklärung“ müssen sie abgeben.

Im „Haus Aigen“ haben wir Workshops veranstaltet, die auf die Wichtigkeit des Umweltschutzes durch die Mülltrennung hinweisen; wir verlangen, dass die Menschen Ordnungs- und Hygieneregeln lernen, sich im Brandschutz auskennen sowie Gefahrenquellen erkennen und organisieren viele – durch unsere unglaublich motivierten und engagierten Ehrenamtlichen durchgeführten – Deutschkurse. - Alle machen brav mit, es gibt Zertifikate für die Teilnahme und kleine Prüfungen, jeder ist zufrieden, denn es wird von unserer Seite etwas für die Integration gemacht und unsere Asylwerber haben etwas vorzuweisen bei ihrem „Interview“.

Doch wofür all das, wenn die Menschen dann doch wieder nach Kroatien abgeschoben werden, wo für sie alles wieder von vorne beginnt?  - Was genau soll jetzt die Arbeit der BetreuerInnen, der IntegrationshelferInnen sein? - Wie sollen wir Menschen, deren Hoffnungen mit jeder Abschiebung von Bekannten und Freunden kleiner werden und schwinden, überzeugen, sich einzugliedern in die österreichische Gesellschaft? Und das, obwohl ihnen dies keine Sicherheit gibt, hierbleiben zu dürfen?

Sollen wir den Menschen weiterhin sagen: „Verhalte Dich ruhig, passe Dich an, lern unsere Sprache und halte aus, was dir an Hass entgegengebracht wird, – aber ob Dir das alles hilft, hier Fuß zu fassen, können wir noch nicht sagen?“ Sollen wir sagen: „Warte noch 1 -2 Monate. Vielleicht auch ein halbes Jahr“.

Wir BetreuerInnen fühlen uns ohnmächtig.

Aber morgen! Ja, morgen werden wir wieder in der Arbeit stehen, mit einem Lächeln im Gesicht, Workshops vorbereiten und die Menschen motivieren, sich hier ein Leben aufzubauen und sich zu integrieren. Denn das Schlimmste haben sie ja schon hinter sich. Oder?