Demenz – ein vergessenes Thema?

Auch wenn sich vieles verändert, die wichtigen Dinge ändern sich nie

Schön ist es im Zimmer von Irmgard Dreier im Haus St. Peter. Viele Fotos hängen an den Wänden, emotionale Erinnerungen an vergangene Zeiten. Ihre Tochter, Heidi Kalisnik, sitzt neben ihr und ich freue mich auf das Gespräch mit den beiden.

25.09.2017
Sonja Wieser, Heidi Kalisnik und Irmgard Dreier (Foto: Katja Koller)
Pflegedienstleitung Sonja Wieser im Gespräch mit Heidi Kalisnik und Irmgard Dreier (Foto: Katja Koller)

Von Corina Unterkofler

Irmgard Dreier ist 92 Jahre alt, seit Juni 2015 lebt sie im Haus St. Peter und sie ist an Demenz erkrankt. Obwohl ihr Gesicht schon viele Falten hat, verraten ihre Augen und ihre Ausstrahlung, dass sie in jungen Jahren eine hübsche Frau war, was auch die vielen alten Fotos beweisen.

Ruhig sitzt Irmgard Dreier an dem kleinen Tisch neben dem Fenster. Sie lächelt freundlich, als ich mich ihr vorstelle und ihr sage, dass ich gerne mit ihr und ihrer Tochter sprechen möchte. „Sie müssen etwas lauter reden“, klärt mich Heidi Kalisnik auf, „Mama hört nicht mehr so gut und wenn man zu leise spricht, versteht sie einen nicht und denkt, dass man schlecht über sie redet“, und sie erzählt mir wichtige Ereignisse aus dem Leben ihrer Mutter und wie es dazu gekommen ist, dass sie nun im Haus St. Peter ist: „Geboren ist sie im damaligen Sudetenland, von wo sie 1945 vertrieben wurde. Sie ist dann mit ihren zwei kleinen Kindern – mir und meinem Zwillingsbruder – und ihrem damaligen Mann nach Österreich gekommen. Von ihm hat sie sich später getrennt und uns alleine großgezogen. Viele Jahre hat meine Mutter am Landesgericht Klagenfurt gearbeitet. Sie war Schriftführerin bei großen Prozessen und konnte sehr schnell stenografieren und maschinschreiben. Ihre Herkunft war ihr auch stets sehr wichtig und so war sie lange Zeit die Kärntner Landesobfrau vom Verein der Vertriebenen aus dem Sudetenland. Ihr zweiter Ehemann ist 2009 verstorben. Damals war meine Mutter trotz ihres Alters körperlich und geistig noch fit und hat in ihrer eigenen Wohnung in Klagenfurt gewohnt; ich bin ja in Friesach zu Hause. Ich habe sie im Alltag, z. B. beim Einkaufen, unterstützt. Ab 2013 ist sie dann ‚vergesslich‘ geworden. Wir haben das dann so gemacht, dass sie ein paar Tage bei uns in Friesach war und ein paar Tage in ihrer Wohnung in Klagenfurt. Das war aber ein ständiges Hin und Her – wenn sie bei uns war, wollte sie in ihre Wohnung und wenn sie dann dort war, wollte sie wieder zu uns kommen. Meine Mutter ist auch in der Nacht ständig aufgestanden und ich war dann auch munter und in der Früh total müde. Sie hingegen war aktiv und hat mich gefragt ‚Was unternehmen wir denn heute?‘. Schon damals haben wir mehrere Stunden am Tag ‚Mensch ärgere dich nicht‘ und ‚Scrabble‘ gespielt. Und das tun wir heute noch. Ich habe mein Bestes getan, aber ich bin an meine Grenzen gestoßen. Eine sehr gute Freundin hat mir dann gesagt ‚Du hast kein eigenes Leben mehr, so kann es nicht weitergehen‘. Und sie hatte recht. Ich kam dann mit einem Blinddarm-Durchbruch ins Krankenhaus und meine Mutter zuerst ins Haus Harbach und dann ins Haus St. Peter, weil dieses einen Demenz-Schwerpunkt hat. Die erste Zeit war nicht leicht für uns beide, wir sind sehr aneinander gehangen und haben oft 10 bis 12 Mal am Tag miteinander telefoniert.“

Während Heidi Kalisnik mir das alles erzählt, nickt Irmgard Dreier manchmal. Oft greift sie nach dem Arm ihrer Tochter und diese wiederholt dann lauter, was sie gerade gesagt hat. „Ja, Mama, und jetzt bist du da im Haus St. Peter und wir sind froh, dass es dir so gut geht.“ Dass die beiden eine sehr enge Bindung haben, ist nicht zu übersehen. Und dass Frau Kalisnik immer das Beste für Frau Dreier wollte und noch immer will, ist jedem klar, der die beiden zusammen sieht. „Ich bin so froh, dass Mama sicher und gut aufgehoben ist“, erzählt sie weiter, „das ganze Team ist ausgesprochen freundlich und entgegenkommend und, was mich besonders beeindruckt, ist, dass es im Haus so ruhig zugeht. Selbst wenn es Stress gibt, sind alle sehr professionell und geben den Bewohnerinnen und Bewohnern und den Angehörigen das Gefühl, dass sie alles im Griff haben. Diese Ruhe, die sie auch im Umgang mit meiner Mutter haben, tut ihr gut, das überträgt sich auf sie.“ Manchmal, wenn Heidi Kalisnik ihre Mutter besucht, sagt diese zu ihr: „Kommst du mich jetzt abholen? Ich werde meine Sachen zusammenpacken.“ Und sie entgegnet ihr dann: „Aber du hast ja so ein schönes Zimmer und das ist jetzt dein Zuhause. Deine Wohnung in Klagenfurt haben wir nicht mehr.“ Irmgard Dreier fragt dann: „Also kann ich hier bleiben?“ – „Ja“ – „Dann gehe ich gleich zu den Schwestern raus und gebe denen Bescheid, dass ich bleibe.“

Wenn man Unterstützung in Anspruch nimmt, ist das kein ‚Abschieben‘, sondern eine Möglichkeit, die Betreuung und Pflege in professionelle Hände zu geben und selbst wertvolle Zeit mit dem Angehörigen zu verbringen.

Sie telefonieren viel, aber nicht mehr 10 Mal am Tag, so wie am Anfang. Zwei bis drei Mal in der Woche kommt Frau Kalisnik auf Besuch. Sie erinnert sich noch an eine Geschichte, die schon vor einiger Zeit passiert ist. Damals ha t Frau Dreier das Schmuckästchen von Frau Kalisnik geöffnet und sich die glitzernden Schmuckstücke angesehen und dann verkündet: „Das schenke ich dir alles!“ Frau Kalisnik lächelt, als sie mir das erzählt: „Das gehörte ja schon alles mir.“

Ich frage Frau Kalisnik, was sie Angehörigen, die in der gleichen Situation sind wie sie es war, raten würde? „Sie sollten nicht zu lange waren, bis man selbst psychisch und körperlich am Ende ist. Wenn es einem selber nicht mehr gut geht, ist man keine Hilfe für den Angehörigen. Sie sollten sich umsehen, wo es eine Einrichtung gibt, in der der alte Mensch gut aufgehoben ist. Und wenn man Unterstützung in Anspruch nimmt, ist das kein ‚Abschieben‘, sondern eine Möglichkeit, die Betreuung und Pflege in professionelle Hände zu geben und selbst wertvolle Zeit mit dem Angehörigen zu verbringen. Z. B. wenn man ihn besucht, etwas vorliest, spielt oder nur redet.“ Sie stimmt mir zu, als ich sie frage, ob viele ein falsches Bild von einer Wohn- und Pflegeeinrichtung für Menschen im Alter haben. „Ja, das denke ich schon. Wenn man sich nicht sicher ist, sollte man sich das mal ansehen. Natürlich ist es für niemanden einfach, einen Angehörigen stationär unterzubringen. Das war für mich und meine Mutter auch sehr schwierig am Anfang. Aber mit der Zeit weiß man, dass es gut ist. Und ich habe großes Vertrauen in die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier. Außerdem sind die Zimmer sehr schön und können mit eigenen Möbeln und Bildern eingerichtet werden, um eine Atmosphäre zu schaffen, in der man sich wohlfühlt. Und es wird im Haus St. Peter auch so einiges angeboten: Frisör, Fußpflege, Feiern, Ausflüge, Kirchtag, Grillparty, Weihnachtsfeier und vieles mehr.“

Was würde Frau Kalisnik machen, wenn sie an Demenz erkrankt, und ihre Kinder dann die gleiche Entscheidung treffen wie sie für ihre Mutter vor fast zwei Jahren? „Darüber habe ich wirklich schon nachgedacht“, sagt sie, „und ich habe meinen Kindern gesagt, dass ich dann auch ins Haus St. Peter möchte.“

Frau Kalisnik und ihre Mutter
Frau Kalisnik wird ihre Mutter weiterhin oft besuchen, mit ihr Scrabble spielen und spazieren gehen. (Foto: Katja Koller)

Demenz – ein vergessenes Thema?

Aktuell gibt es etwa 130.000 Demenzkranke in Österreich. Da die Lebenserwartung steigt, wird sich die Zahl der Demenzpatientinnen und -patienten bis zum Jahr 2050 voraussichtlich auf bis zu 270.000 erhöhen. Derzeit existiert keine Heilung, die Medizin kann das Fortschreiten der Krankheit in manchen Fällen nur verzögern. Die steigende Anzahl der Erkrankungen und die eingeschränkten Behandlungsmöglichkeiten machen Demenz zu einer der großen gesundheits- und sozialpolitischen Herausforderungen unserer Zeit. Demenz ist nicht nur eine Krankheit. Sowohl Betroffene als auch Angehörige erfahren Demenz in hohem Ausmaß als soziales Schicksal und leiden oft weniger an der Erkrankung selbst als unter negativen Erwartungshaltungen, Isolation und Ausgrenzung.

Die Diagnose Demenz löst bei Betroffenen und Angehörigen Unsicherheit aus:

  • Wie sollen wir damit umgehen?
  • Was bedeuten diese Erkrankung und der Krankheitsverlauf für unser Leben?
  • Was können wir tun und wo können wir uns Unterstützung holen?

Demenz wird deshalb auch als „die Krankheit der Angehörigen“ bezeichnet, da die Auswirkungen für Angehörige oft eine größere Belastung darstellen als für den demenzerkrankten Menschen selbst. Sonja Wieser, Pflegedienstleitung im Haus St. Peter, ergänzt: „In der Betreuung und Pflege von an Demenz erkrankten Menschen braucht es eine andere Normalität für den Alltag. Der an Demenz erkrankte Mensch verliert Schritt für Schritt seine Alltagskompetenzen – was bleibt, sind Emotionen. Deshalb wünscht sich jeder Betroffene Nähe und zwischenmenschliche Kontakte. Wir im Haus St. Peter schaffen Beziehung, indem wir zu den Menschen Vertrauen aufbauen.“ Die Betreuung von an Demenz erkrankten Menschen ist der Schwerpunkt im Haus St. Peter. Das bedeutet, dass z. B. die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in diesem Bereich verstärkt wurde und geplante Wohnformen und Betreuungskonzepte in der Umsetzung sind. „Betreuung und Pflege findet 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche statt“, so Sonja Wieser, „damit die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Herausforderungen im Pflegealltag professionell begegnen können, wird stets eine offene Kommunikationskultur gelebt und etwaige Probleme im Team besprochen. Supervision und regelmäßige Fortbildungen werden ebenfalls angeboten. Denn nur wenn es den Angehörigen und Pflegenden gut geht, geht es auch dem Betroffenen gut.“

In der Betreuung und Pflege von an Demenz erkrankten Menschen braucht es eine andere Normalität für den Alltag. Wir im Haus St. Peter schaffen Beziehung, indem wir zu den Menschen Vertrauen aufbauen
Sonja Wieser, Pflegedienstleitung im Haus St. Peter,

Menschen im Alter respektvoll und individuell zu begleiten, ihnen die Zeit zu geben, die sie benötigen und ihre Bedürfnisse wahrzunehmen – das alles beschreibt grundlegende Haltungen der Pflegeteams. Ein gelebtes Miteinander zwischen den Bewohnerinnen und Bewohnern, dem Team und den Angehörigen prägt das Leben im Haus St. Peter. „Wesentlich ist eine Grundhaltung, jeden Menschen in seiner Einzigartigkeit zu sehen und mit viel Einfühlungsvermögen eine Brücke zu schlagen zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter machen das Haus St. Peter erst zu dem, was es ist. Es braucht Liebe zum Menschen und Verstand gepaart mit professionellem Fachwissen“, so Wieser.

Leben, wie ich will

Sonja Wieser kommt zu meinem Gespräch mit Frau Dreier und Frau Kalisnik dazu. Wir möchten nämlich noch ein Foto machen. Irmgard Dreier fragt: „Wer sind Sie? Kennen wir uns?“ Sonja Wieser antwortet: „Ja, natürlich. Wir haben uns heute beim Frühstück gesehen.“ „Ach so“, antwortet Frau Dreier, „sehen wir uns auch morgen wieder beim Frühstück?“ – „Ja, klar.“ Ihre Tochter lächelt und ich denke daran, dass sie mir gerade erzählt hat, dass ihre Mutter immer noch Scrabble spielt und lange Wörter bilden kann, aber dass sie jetzt im Moment nicht mehr weiß, wer Sonja Wieser ist. Vielleicht erinnert sie sich morgen noch, wer Sonja Wieser ist, wenn sie sich beim Frühstück wieder treffen, vielleicht auch nicht. Aber das ist so und es ist gut so wie es ist. Irmgard Dreier ist an Demenz erkrankt, aber die Zufriedenheit und Ruhe, die sie ausstrahlt, überzeugt mich, dass es ihr gut geht und dass sie gerne im Haus St. Peter ist. Auch wenn sie manchmal verwirrt ist und wieder in ihre eigene Wohnung möchte. Dann ist das so und das Pflegeteam im Haus St. Peter ist bestens ausgebildet und wird, wie bei jedem an Demenz erkrankten Menschen, darauf eingehen und sich auf sie einstellen. Das Leben und die Umgebung werden an die Bedürfnisse von Frau Dreier angepasst und nicht umgekehrt. Denn das ist es, was für an Demenz erkrankte Menschen so wichtig ist.

Frau Kalisnik wird ihre Mutter weiterhin oft besuchen, mit ihr Scrabble spielen und spazieren gehen. „Ich wünsche mir Gesundheit und dass es der Mutti gut geht und dass es so lange wie möglich bleibt, wie es jetzt ist. Sie hat einmal zu mir gesagt: ‚Ich freue mich so, wenn ich dich sehe. Ich kann dir das nie wieder zurück geben, was du für mich tust‘ und ich habe geantwortet ‚Mutti, lass mich jetzt um dich kümmern, du hast das für mich getan als ich klein war‘.“ Und dann haben wir Fotos gemacht. Frau Dreier wollte sie natürlich alle vorab sehen und hat mir erklärt: „Ich muss ja schauen, ob das ein schönes Foto von uns ist. Weil es hilft ja nichts, wenn nur ich fesch drauf bin.“

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