Das Belohnungs- und Motivationssystem in der Kindergruppe 1

Arbeit unter gutem Stern

Vor drei Jahren hat das Team der Kindergruppe 1 (KG1) intensiv an der Idee eines neuen Belohnungs- und Motivationssystems gearbeitet. Entstanden ist eine Sternewand, die seit Beginn ein Schlager ist bei Kindern und Erwachsenen. Jeder einzelne Stern ist etwas ganz Besonderes, das weiß auch schon der 9-jährige Sebastian, der erst seit Kurzem in der Kindergruppe wohnt.

04.10.2017
Sternenwand in der Wohngemeinschaft
Vor drei Jahren hat das Team der Kindergruppe 1 (KG1) intensiv an der Idee eines neuen Belohnungs- und Motivationssystems gearbeitet. Entstanden ist eine Sternewand, die seit Beginn ein Schlager ist bei Kindern und Erwachsenen.

Der Wohn-Essbereich der Kindergruppe ist groß, hell und gemütlich. Im Spielbereich zwischen der großen Couch und dem noch größeren Esstisch ist eine ganze Wand dem Sternenhimmel der Kinder gewidmet. Dort steht auch schon Sebastians Name. Jedes Kind hat dort sein eigenes kleines Universum mit Sternen, das namentlich gekennzeichnet ist. Drei gelbe Sterne pro Tag kann jedes Kind erstrahlen lassen. Jeder Stern steht für eine bestimmte Kategorie. 

Die Kategorie MEIN ZIEL beschreibt, inwieweit jemand an diesem Tag seinem persönlichen Ziel nähergekommen ist. Mumin zum Beispiel fällt es sehr schwer, nicht alles „Scheiße“ zu finden. Sein Ziel ist, auch die angenehmen, schönen, positiven Seiten des Alltags zu sehen. Wenn es ihm gelingt, am Ende des Tages zu erzählen, was für ihn das Geschenk dieses Tages war, dann strahlt ein gelber Stern bei seinem Ziel auf.

Zur Kategorie ALLTAG gehören Aufgaben, die ein Kind in diesem Alter machen sollte: die Schultasche aufräumen, das Mitteilungsheft abgeben, Hausübungen machen, das Zimmer so aufräumen, das gereinigt werden kann, im Haushalt mithelfen... Diese Aufgaben sind für alle weitgehend gleich. Sebastian ist sehr stolz darauf, dass es ihm gestern schon halbwegs gelungen ist, seine Aufgaben zu erledigen. „Glaubst Du, dass ich heute auch wieder drei Sterne schaffe?“ fragt er Stephanie, die Sozialpädagogin, die heute Dienst hat, mit großen Augen. Er freut sich schon auf jenen aufregenden Moment am Abend, an dem Stephanie jedes Kind einzeln zur Sternewand holen wird. „Die anderen Kinder sind nicht dabei. Jedes Kind ist dann sehr ehrlich in der Selbsteinschätzung, oft auch kritisch. 

Manchmal würden sich die Kinder selber noch keinen Stern geben. Aber auch das Bemühen bringt den Stern zum Leuchten. Die Kinder freuen sich noch immer über jeden einzelnen der handgefertigten Sterne, den sie anbringen können“ erzählt Sozialpädagogin Fiona. 

Die wichtigste und schwierigste Kategorie ist zusammengefasst unter MEIN UMGANG. „Hier geht es darum, wie wir miteinander umgehen: Wie reden wir miteinander? Hören wir einander zu? Lassen wir einander ausreden? Bleiben wir bei der Wahrheit?“ erklärt Stephanie. „Jede Form von Gewalt, physisch oder verbal, ist tabu. Die Kinder wissen das und die Einschulung der Neuen funktioniert auch über die Mundpropaganda der Kinder. Sebastian fand z.B. alles geil. Er hat das Wort ständig verwendet. Den Kindern ist das auch aufgefallen und sie haben ihn darauf hingewiesen. Mittlerweile ist es ihm lustig, aufzuzählen, was er statt dem sagen kann. Sein Wortschatz hat sich um cool, spitze, perfekt, genial usw. erweitert“, freut sich Fiona.

Sternenwand in der Wohngemeinschaft
Jeder einzelne Stern ist etwas ganz Besonderes, das weiß auch schon der 9-jährige Sebastian, der erst seit Kurzem in der Kindergruppe wohnt.

Bis zu 12 gelbe Sterne pro Woche kann sich jedes Kind erarbeiten. Für 12 gelbe Sterne kann ein Kind einen goldenen Stern erhalten oder in die Schatzkiste greifen für eine Belohnung wie Bastelmaterial, Spielsachen, Parfum usw. Für mehrere goldenen Sterne kann das Kind dann etwas wählen, das ein Pädagoge oder eine Pädagogin ganz mit ihm alleine macht, wie eine Shoppingtour, einmal auswärts essen gehen oder eine Fahrt ins Aquapulco. 

Die Arbeit mit den Sternen ist ein wichtiger Teil der Pädagogischen Arbeit in der KG1. Das Sternbild wandelt sich täglich. Es ist ein Teil jenes Universums, für das sich die Kinder bereits beim Schnuppern interessierten. Es ist ihnen heilig, denn keinem von ihnen fällt es ein, jemandem einen Stern zu nehmen oder etwas zu zerstören, was sonst ja häufig Thema ist. Wer von den PädagogInnen den Dienst übernimmt, sieht auf einen Blick, welchem Kind wo ein Stern aufgegangen ist. Und siehe da: Sebastian hat tatsächlich auch heute wieder drei Sterne geschafft.