Inklusion von Minderheiten – Interview mit Rrahmon Stollaku

Alle Eltern wollen, dass es ihren Kindern gut geht!

Rrahmon Stollaku leitet das Lernzentrum für Kinder und Jugendliche der Brot für die Welt-Partnerorganisation Balkan Sunflowers (BSFK) in Fushe Kosovo. Im Interview erzählt er von den Herausforderungen seiner Arbeit und die Motivation, jeden Tag weiter zu machen.

07.09.2017
Rrahmon Stollaku, Leiter des Lernzentrums in Fushe Kosovo
„Meine Arbeit macht mich stolz und glücklich“, Rrahmon Stollaku, Leiter des Lernzentrums in Fushe Kosovo.

Das Lernzentrum in Fushe Kosovo feiert nächstes Jahr das 10-jährige Bestehen. Wie hat alles begonnen?

Balkan Sunflowers hat schon seit dem Kosovokrieg im Jahr 1999 Flüchtlinge unterstützt und 2003 mit verschiedenen Bildungsprogrammen für Minderheiten in kleinen Einrichtungen begonnen. Seit 2008 sind alle Aktivitäten und Standorte unter dem „Learning Centres Network“ vereint. So können wir noch gezielter und professioneller arbeiten. Es gibt mittlerweile fünf solcher Lernzentren. Alle sind in Regionen mit einem hohen Minderheitenanteil angesiedelt. Unser Lernzentrum befindet sich in Fushe Kosovo, nur wenige Kilometer von der Hauptstadt Pristina entfernt.

Warum ist gerade die Unterstützung von Minderheiten so wichtig?

Bildung und Ausbildung ist generell für jeden Menschen wichtig. Minderheiten sind aber sehr oft gesellschaftlich schlechter gestellt als andere Bevölkerungsgruppen. Sie werden oft diskriminiert und angefeindet, haben erschwerten Zugang zu Bildung und Arbeit und sind sozial ausgeschlossen. Viele leben in Armut ohne Perspektive auf Besserung. Wir wissen aber auch, dass Bildung im Kampf gegen Armut und Diskriminierung ein Schlüsselfaktor ist. Genau da setzen wir an.

Wie ist die Situation für Minderheiten im Kosovo?

Aufgrund der schwierigen politischen Situation und der Konflikte zwischen den verschiedenen Volksgruppen im Kosovo waren zwischen 1989 und 2000 die meisten Kinder aus Roma-, Ashkali- und Ägypterfamilien vom Bildungssystem ausgeschlossen. Das heißt, sie haben keine Schule besucht. Der Bildungsgrad innerhalb dieser Minderheiten ist in dieser Zeit daher extrem gesunken. Das ist jene Generation, deren Kinder jetzt in die Schule gehen oder in wenigen Jahren gehen werden. Sie sind zu 99% arbeitslos. Armut ist weit verbreitet. Viele können ihren Kindern zum Beispiel nicht einmal einen Euro für eine Exkursion mitgeben.

Wie können die Lernzentren den Menschen helfen?

Bildung erhöht nicht nur die Chance auf bessere Lebensverhältnisse sondern fördert auch die gesellschaftliche und politische Partizipation. Gerade bei Minderheiten, die stark von Diskriminierung und Vorurteilen betroffen sind, ist das von hoher Bedeutung. Deshalb ist unser Hauptziel, möglichst viele Kinder in das Schulsystem zu bringen und sie möglichst lange darin zu behalten. Viele Eltern können ihre Kinder beim Lernen nicht unterstützen. Wir helfen den Kindern bei den Hausaufgaben, geben Nachhilfe und Sprachförderung und bieten Vorschulkurse oder Prüfungsvorbereitungen an.

  • Straßenzug im Kosovo
    Armut ist unter Roma-, Ashkali- und Ägypterfamilien weit verbreitet – die Arbeitslosigkeit liegt bei annähernd 100 Prozent
  • Rrahmon Stollaku leitet seit vielen Jahren das größte Lernzentrum in Fushe Kosovo.
    Rrahmon Stollaku leitet seit vielen Jahren das größte Lernzentrum in Fushe Kosovo. Mehr als 300 Kinder werden hier täglich betreut.
  • Kinder lernen im Lernzentrum in Fushe Kosovo
    In Kleingruppen wird den Kindern und Jugendlichen bei Hausaufgaben geholfen oder Nachhilfe gegeben. Es gibt auch Vorschulgruppen oder Sprachförderung.

Wir unterstützen die Kinder und die Eltern auch bei der Einschreibung in Volksschulen oder höheren Schulen und stellen auch Lernunterlagen und Bücher zur Verfügung.

Wie viele Kinder kommen in das Lernzentrum in Fushe Kosovo und wie läuft der Unterricht ab?

Täglich kommen ungefähr 300 Kinder und Jugendliche im Alter von 5 bis 15 Jahren zu uns – ein Großteil davon aus Roma-, Ashkali und Ägypterfamilen. Wir haben aber auch Kinder anderer Volksgruppen bei uns. Vielfalt, gegenseitiger Respekt, Toleranz und ein gesellschaftliches Miteinander sind uns wichtig. Das wollen wir auch den Kindern mitgeben. Die Gruppen bestehen aus 4-6 Kindern. Sie kommen entweder vormittags oder nachmittags zu uns – je nachdem wann die Kinder in der Schule sind. Im Kosovo findet der Unterricht nämlich in zwei Schichten statt. Sie kommen also vor oder nach der Schule. Die Gruppen werden von geschulten Tutorinnen und Tutoren geleitet. Das sind ältere Schülerinnen und Schüler oder Studierende. Sie erhalten dafür ein wenig Geld und können an verschiedenen Weiterbildungskursen und Workshops teilnehmen. Sie leisten tolle Arbeit und die Kinder lieben sie.

Wie hat sich die Situation in den letzten Jahren verändert?

Besonders nach dem Kosovokrieg war es sehr schwierig, Kinder aus Minderheiten in das Bildungs- und Schulsystem zu integrieren. Es gab viele Vorurteile und sogar Gewalt gegenüber Minderheiten. Seither hat sich jedoch vieles geändert und gebessert. Als wir hier in Fushe Kosovo 2008 mit dem Lernzentrum begonnen haben, hatten wir nur rund 250 Kinder in Volks- und Mittelschulen, 7 Schülerinnen und Schüler in höhere Schulen und 4 Studierende.

Vielfalt, gegenseitiger Respekt, Toleranz und ein gesellschaftliches Miteinander sind uns wichtig. Das wollen wir auch den Kindern mitgeben.

Über 50 Prozent brachen die Schule vorzeitig ab. Jetzt, knapp 10 Jahre später, besuchen mehr als 600 Kinder Volks- und Mittelschulen. 120 Schülerinnen und Schüler absolvieren höhere Schulen und 40 Studierende sind an Universitäten eingeschrieben. Die Abbruchrate ist auf zwei Prozent gesunken. Das ist ein toller Erfolg, denn die Gruppe der Roma-, Ashkali- und Ägypterfamilien in Fushe Kosovo und Umgebung ist durch Ab- und Auswanderungen etwa gleich groß geblieben – bei rund 6.000 Menschen. 

Wodurch ist das erreicht worden?

Gelungen ist uns das durch die enge Zusammenarbeit mit den Schulen aus denen die Kinder kommen, die das Lernzentrum besuchen. Wir tauschen uns regelmäßig mit den Lehrerinnen und Lehrern über die Entwicklung der Kinder aus und stimmen uns ab. Fehlt ein Kind längere Zeit, hat schulische oder private Probleme oder wird nicht zur Schule angemeldet, versuchen unsere Schul-Mediatoren zu unterstützen und bilden die Schnittstelle zwischen den Kindern, ihren Eltern, der Schule und uns.

Gerade der Kontakt zu den Eltern ist aber auch besonders wichtig. Viele Eltern der Kinder haben einen sehr niedrigen Bildungsgrad. Die schulische Ausbildung nimmt einen geringen Stellenwert ein wenn man in Armut lebt und Geld für Essen und Wohnen braucht.

Wir wollen die Eltern mit ins Boot holen und sie in unsere Arbeit und Aktivitäten einbinden. Daher organisieren wir ein bis zwei Mal pro Monat Elternabende, wo verschiedene Anliegen, Wünsche und Probleme besprochen werden und wir die Wichtigkeit einer guten Ausbildung vermitteln wollen. Denn eine gute Ausbildung bedeutet bessere Zukunftsperspektiven. Gelingt uns dass, schicken sie die Kinder gerne zu uns. Denn alle Eltern wollen, dass es ihren Kindern einmal gut geht.

  • Kind lernt im Lernzentrum in Fushe Kosovo
    22 Tutorinnen und Tutoren engagieren sich freiwillig im Lernzentrum in Fushe Kosovo.
  • Kind lernt im Lernzentrum in Fushe Kosovo
    Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 5 und 15 Jahren besuchen das Lernzentrum.
  • Kind lernt im Lernzentrum in Fushe Kosovo
    Inklusion von Minderheiten – ein Schwerpunkt der Arbeit von Brot für die Welt. Im Kosovo konnte durch Balkan Sunflowers schon viel erreicht werden.

Das wichtigste ist aber, dass die Kinder gerne zu uns kommen. Sie wissen, dass wir ein Ort sind, wo ihnen geholfen wird. Nicht nur schulisch. Wir versuchen ihn neben der schulischen Unterstützung  auch noch andere wichtige gesellschaftliche, soziale oder ökologische Themen näher zu bringen. Das machen wir mit Themenwochen – zum Beispiel zu Mülltrennung oder Umweltschutz. Im Sommer veranstalten wir auch ein mehrwöchiges Sommercamp – eine Mischung aus Wissensbildung, Sport, Musik und Theater. Die Kinder freuen sich jedes Jahr sehr darauf.    

Wie schauen die Zukunftspläne für das Lernzentrum aus?

Wir wollen zukünftig noch mehr Kinder in Fushe Kosovo erreichen, deshalb planen wir gerade zwei neue Lernzentren. Leider ist die Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden nicht immer einfach. Wir bekommen fast keine Unterstützung – weder finanziell noch in der Infrastruktur. Dennoch. Unsere Arbeit wird innerhalb der Community und auch außerhalb sehr geschätzt. Wir alle gelten als Vorbilder. Das macht mich stolz und glücklich. Das ist meine Motivation, jeden Tag das Beste zu geben.

Unterstützen Sie Inklusive Bildung im Kosovo